Kristina - Löwenmut

Hi,


mein Name ist Kristina, und das hier ist meine Geschichte.

Am 12. März 2018 saß ich mit meiner Tochter ( 2 ), meinem Sohn ( 2 Monate ) und meinem baldigen Ehemann vor dem Telefon.


Wir warteten auf den Anruf, der uns mitteilen wird, dass ich mit 30 Jahren an Brustkrebs erkrankt bin.

Oft liest man in Geschichten davon, wie sich nach dem ersten Schock eine Art organisierte Abarbeitung der nötigen Schritte ergab. Das war bei mir genauso. Auch erinnere ich mich an eine wochenlange, schier nicht enden wollende Odyssee von Untersuchungen und Arztgesprächen, um die bestmögliche Therapie zu wählen.

Ich erinnere mich dran, wie ich taub, verzweifelt und getrieben von Angst und Trauer einen Blick auf mein Leben warf.

Ich war zweifache Mama, mein kleiner Sohn war noch ein Baby. Ein hilfloses, auf mich angewiesenes Baby. Ich war stolze Ehefrau und ganz frisch in unsere Selbstständigkeit gestartet. Und nun war klar, dass ich ohne Therapie sterben würde.

All diese Gedanken und Gefühle mitten in der bereits begonnenen Chemotherapie zogen überlastungsbedingte Therapiepausen nach sich. Die Gedanken waren einfach zu übermächtig, die Angst um die Zukunft meiner Familie und der alles überstrahlende Wunsch nicht sterben zu wollen kosteten mich alle übrig gebliebene Kraft.


Ich erinnere mich daran, wie tief der seelische Schmerz war, als ich wegen Wundheilungskomplikationen in einem Großraumzimmer auf der Entbindungsstation untergebracht wurde. Zwischen all diesen werdenden, vom Glück gefluteten Müttern lag ich. Die Mutter, die sich nicht um ihre Babys kümmern konnte.

Ich wusste, dass sie mir dies in wenigen Tagen ansehen würden. Meine Haare würden ausfallen. Und so würde ich da liegen. Schwach, verzweifelt und tief traurig zwischen all dem neuen Leben.

Trotz all der Lähmung war ich ein mündiger Patient. Zum Wohl meiner Babys habe ich jede Behandlung und deren Konsequenzen und Nebenwirkungen hinterfragt. Ich habe Beipackzettel der Medikamente studiert, bevor ich diese einnahm.

Ich wurde in ein Zweibettzimmer verlegt, und endlich stellte sich auch Hilfe seitens der Krankenkasse ( Unterstützung im Haushalt und bei der Betreuung meiner Kinder ) ein.


Meine Gedanken waren während der ganzen Zeit bei meiner Familie. Nichts anderes hatte Platz in meinem Kopf, für nichts anderes wollte mein Herz kämpfen. Ich wollte das einfach für meine Familie schaffen.

Das nächste Dreivierteljahr bestand aus permanenten Chemotherapien und Spritzen, die ich mir selbst setzen musste, um meine Blutwerte stabil zu halten.

Mein Körper baute extrem ab.


In dieser Zeit wurde mir bewusst, dass eine Nebenwirkung, der Preis meines Überlebens auch die Tatsache sein würde, dass ich nie wieder Mama werden könnte.

Ich musste meinen Körper vor den Sonnenstrahlen schützen, die ich immer so geliebt hatte.

An den Tagen der Chemotherapie konnte ich mit Glück kalte Gurke zu mir nehmen, nicht mal stilles Wasser wollte mein Körper annehmen. Zu diesem Zeitpunkt waren meine Haare, meine Augenbrauen und meine Wimpern ausgefallen. Unter Tränen betrachtete ich im Spiegel, was von mir übrig geblieben war.

Verließ ich mit den Kindern das Haus, so trug ich eine Perücke.

Ein einfacher kurzer Einkauf raubte mir alle Kraft.

Mehr als 40 Grad Fieber und Schlaf bestimmten meinen Alltag. Bei 1,74m Körpergröße wog ich noch 56 Kilogramm.

Zum größten Teil bin ich meiner Mutter und meine Schwester dankbar. Ohne diese hätte ich diese Zeit nicht überstanden. Sie sind selbstlos und liebevoll für mich eingesprungen, als ich selbst nicht leben konnte.

Einige Wochen nach der letzten Chemo wurde der tennisballgroße Tumor operativ aus der Brust entfernt.

Zu dieser Zeit war mir egal wer welche Behandlung wie an meinem Körper vollzog. Ich hatte keine Kraft mehr. Ich hatte resigniert.

Fast genau ein Jahr nach der Diagnose folgte meine Reha und der Weg zurück ins Leben. In mein Leben.

Wenn diese furchtbare Zeit auch nur ansatzweise sowas wie einen "Sinn" hatte, dann, dass sich gezeigt hat, wer die wahren Freunde sind. Und welchen Wert Familie hat.

Heute sehe ich selbst die kleinsten Dinge mit ganz anderen Augen. Mit dankbaren Augen. Ich bin glücklich - ich lebe!

Nach all der Zeit, in denen ich so oft gestorben bin. Nach all der Zeit, in der mir die Kraft fehlte mein Kind aus dem Bett zu heben. Nach all dieser Zeit lebe ich! Ich lebe!



Wer mich heute sieht, der mag nur aufgrund der Narbe erahnen, welch steinigen Weg ich gegangen bin.

Da war Krebs. Da war Angst. Da war Verzweiflung.

Auch heute ist der Krebs noch Teil meines Lebens. Aber mein Leben, das habe ich mir zurückgeholt.



Ein wichtiger Grundstein und Pfeiler meines "neuen" Lebens ist die Stiftung junge Erwachsene mit Krebs. Der Austausch mit anderen betroffenen, Ärzten und Physiotherapeuten hilft mir, meinen Weg stark, gesund und mutig zu beschreiten.



Kristina stammt aus meinem engsten, persönlichem Umfeld. Seit einigen Jahren genießen wir gemeinsam mit ihren Kindern die Sonnenseiten des Lebens, genießen gutes Essen, tolle Ausflüge und gemeinsame Urlaube.

Das bewusste Genießen hat sich als feste Ritual in unsere Leben geschlichen.

Am 20. Februar 2022 durfte ich Kristina in meinem kleinen Studio fotografieren. Trotz der Schwere ihrer Geschichte war die Stimmung super, wir haben sehr viel gelacht und so sind authentische Bilder entstanden.

Wenn ich über unsere Freundschaft nachdenke - darüber, wie diese gefühlvolle Kämpferin mich immer und immer wieder aufgebaut, und zum Lachen gebracht hat, dann könnte ich kaum dankbarer sein.

Ihre Art zu leben, ihr unbändiger Löwenmut und ihre sanfte Güte, mit der sie die Welt sieht.


All diese Dinge beeindrucken und inspirieren mich.

Bei all ihrer Leichtigkeit ist man fast versucht, die Herausforderungen vor die das Leben sie stellte, zu vergessen.

Unsere Familien sind heute eng verbunden. Wie sehr hätte mein Papa diese starke Frau bewundert und gemocht!

Kristina, ich bin stolz darauf, jemanden wie Dich zur Freundin zu haben. Hör bloß nie auf, die Welt so verzaubert zu inspirieren! Sie ist besser, weil Du da bist!






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